Bericht zum Symposium “Technik aus Thüringen – 500 Jahre Waffenproduktion in Suhl und Zella-Mehlis”

Unser engagiertes Mitglied Manfred P. Schulze aus Spandau gab den Anstoß zu dieser gemeinsamen Tagung mit dem Kuratorium zur Förderung historischer Waffensammlungen e. V. am 17. und 18. Oktober 2025. Als Ausrichter konnten das Waffenmuseum Suhl und das Stadtmuseum in der ehemaligen „Herzoglich Sächsischen“ Beschussanstalt Zella-Mehlis gewonnen werden.

Ziel war es, an diesen waffentechnisch so bedeutenden Orten einmal die Waffeninteressenten dieser Vereine zusammenzubringen, zumal es nicht wenige gibt, die beiden Organisationen angehören.

Im Vortragssaal des unweit vom Museum gelegenen Kulturhauses hatte der stellvertretene Museumschef und Sammlungsleiter Jörg Schulze am Freitag eine Reihe besonderer Sammlungsobjekte aus dem umfangreichen Magazinbestand bereitgestellt, die als reale Anschauungsobjekte dienten.

Unser Heereskunde-Mitglied Thomas Bahr, Berlin, stellte daraus die Entwicklung vom Gewehr 71 zum Gewehr 91 vor sowie die davon abgeleiteten Karabiner und Sonderwaffen, wobei er auch die technischen Veränderungen und Schwierigkeiten beim Übergang von der Schwarzpulver-Patrone zur kleinkalibrigen, aber viel leistungsstärkeren Munition mit Treibladung auf Nitro-Basis ausführlich behandelte.

Thomas Bahr erläutert die technischen Unterscheidungsmerkmale von Infanteriegewehr M. 1871/84 und Gewehr 88 (oben).

Jörg Schulze demonstrierte uns unter anderem ein preußisches Perkussions-Infanteriegewehr M. 1839, hergestellt von G. Haenel sowie eine US-Infanteriemuskete Springfield M. 1861, die von C. G. Haenel gefertigt wurde.

Die Herstellersignatur von C. G. Haenel auf Lauf und Schaft eines 1861 in nur wenig Hundert Exemplaren in Suhl gefertigten US Infanteriegewehrs M. 1861.

Es folgten von der Römerwerk AG in Suhl zwei ungewöhnliche Jagdwaffen, denen keine große Verbreitung beschieden war.
Bereits 1899 von August Coenders aus Kaiserswerth entwickelt, ließ der Industrielle Reinhold Becker durch eine Vertriebsgesellschaft ab Anfang der 1920er Jahre eine halbautomatische Flinte mit Trommelmagazin in Suhl produzieren. Nicht alltäglich war das Funktionsprinzip mit vorgleitendem Lauf und dem Hülsenauswurf der vorherigen Patrone durch den Restgasdruck der nachfolgenden.

Jörg Schulze demonstriert die ungewöhnliche Flinte (Kal. 16) mit Trommelmagazin der Römerwerke AG

Auch die „Pistolenbüchse“ nach dem Patent von Gerstenberger-Moritz stieß auf großes Interesse bei den Teilnehmenden. Hier konnte der Schütze eine Selbstladepistole (Kaliber .22 lR) des Römerwerks mit dem System eines Karabiners „verschmelzen“, um so bessere Präzision und größere Reichweite zu erzielen.

Jörg Schulze (li.), hier mit dem Springfield-Gewehr M. 1861, erhält aus der Hand von Manfred P. Schulze zum Abschluss der Vorstellung besonderer Objekte ein Gastgeschenk in Form des Ausstellungskatalogs „Militärstadt Spandau“.

Am späteren Nachmittag stand der Besuch der Ausstellungen im Waffenmuseum auf dem Programm. Zu unserer Freude war mit Rolf Ziegenhahn – Vater von Museumschef Jens Ziegenhahn – ein altgedienter Büchsenmachermeister mit früherem eigenen Fertigungsbetrieb zugegen. Er konnte viele spezielle Fragen beantworten und hochinteressante Hintergrundinformationen zu den Objekten beisteuern. Beispielweise hatte sein Betrieb im Rahmen der Neuererbewegung anlässlich des IX. Parteitags der SED 1976 die Klein-Maschinenpistole „IX. Parteitag“ in 14 Exemplaren hergestellt, wobei die Seriennummer 13 nicht vergeben wurde. Das Design der Waffe wurde bewusst recht flach gehalten, weil sie zum konspirativen Transport in einen vorhandenen Zirkelkasten passen musste.

Der frühere Waffenproduzent Rolf Ziegenhahn (r.) lässt in der Ausstellung des Waffenmuseums die Tagungsteilnehmer an seinem Hintergrundwissen über diverse Modelle teilhaben.

Am nächsten Vormittag trafen wir uns im Stadtmuseum Zella-Mehlis zu der Vortragsreihe, die Museumsleiter Lothar Schreier mit einem Einblick in die Geschichte der Beschussanstalt seit Mitte des 16. Jahrhunderts, den Bau der Zellaer Schießhütte um 1778, die Errichtung eines Neubaus ab 1893, ihrem Niedergang und die Entstehung des heutigen Museums an gleicher Stelle im Jahr 2002 bis 2004.

Aus dem Vortrag von Lothar Schreier: Die Entwicklung der Beschussmarken von Zella St. Blasii bzw. Zella-Mehlis.

Es folgte unser Mitglied Jochen Gräwe, Bielefeld, mit bemerkenswerten Beispielen preußischer Pistolenmodelle aus dem Zeitraum 1812 bis nach 1870, die alle in Suhl von verschiedenen Firmen gefertigt wurden. Besonderen Wert legte er dabei auf die Herstellersignaturen, die Beschusszeichen und die amtlichen Abnahmen durch den Staat – alles dokumentiert durch die unterschiedlichen Abnahmestempel auf den Einzelteilen bis zum Superrevisionsstempel auf der auslieferungsfertigen Waffe.

Aus dem Vortrag Jochen Gräwe: Preuß. Pistole M. 1850, gefertigt von Spangenberg und Sauer, 1872.

Wolf-Dietrich Roth, Heereskunde-Mitglied aus Berlin, befasste sich dann mit der Firmengeschichte der von Carl Walther 1886 in Zella St. Blasii gegründeten und später weltberühmten Waffenfabrik; anhand vieler originaler Fotos veranschaulichte er die Entwicklung ihrer Produkte und den Werdegang vom kleinen Büchsenmacherbetrieb zur industriellen Fertigungsstätte.

Aus dem Vortrag von Wolf-Dietrich Roth: Die Wiege der Fa. Carl Walther, Katzenbuckel 2-4, Zella-Mehlis, in Bildmitte das um 1910 aufgestockte Betriebsgebäude (Aufnahme aus der DDR-Zeit).

Den Schlussvortrag übernahm Patrick Hoffmann. Er stellte anhand intensiver Recherchearbeit mit dem Scharfschützengewehr SSG-82 ein Beispiel für die eigene, geheime Waffenfertigung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR in der Abteilung BCD (Bewaffnung / Chemischer Dienst) vor. Dieses auf einem Sportgewehr basierende System im Kalaschnikow-Kaliber 5,45 mm x 39 diente dem MfS zur „Lösung spezieller Aufgaben“, z. B. der Terrorabwehr. Es wurde unweit des Waffenmuseums auf NVA-Gelände (Werk 2) in einem besonders geschützten Haus, getarnt als Abnahmegebäude, hergestellt.

Aus dem Vortrag von Patrick Hoffmann: Ausgangspunkt seiner Recherchen zum Scharfschützengewehr SSG-82.

 

Lothar Schreier (li.), Leiter Stadtmuseum Zella-Mehlis, erhält von Manfred P. Schulze zum Abschluss der Vortragsreihe eine Grafik mit der Darstellung einer Anschießmaschine von 1850.

Am Nachmittag des gleichen Tages trafen wir uns schließlich im Lubenbachtal am Technikmuseum Gesenkschmiede, einer Außenstelle des Stadtmuseums. Lothar Schreier erklärte, wie die Schmiedefirma Wahl ein durch Wasserkraft betriebenes Sägewerk übernahm und es 1918 zu einer Gesenkschmiede umbaute. Hier entstanden neben zahlreichen Gebrauchsgegenständen wie Zangenteilen, Nagelscheren und Seilhaken auch Achsgelenke für die Trabant-Fertigung und eben Spezialteile für die Waffenproduktion – darunter Abzugshebel, Schlagstücke, Verschlussstücke und -hebel, Patronenzieher und vieles mehr.

Im Technikmuseum Gesenkschmiede: Zwei verschiedene Gesenke und die damit hergestellten Waffenteile.

Im bis 1985 aktiven und wenig später unter Denkmalschutz gestellten Privatbetrieb ist der ursprüngliche Maschinenpark noch fast vollständig erhalten. Insbesondere beeindruckten die aus den USA importierten Brettfallhämmer, deren ältester von 1867 datiert und ursprünglich in der Königlichen Preußischen Gewehrfabrik Erfurt seine Dienste verrichtete. Mit diesem und neueren Modellen wurde von einem bis zu 700 kg schweren Hammer (Bär) und einer Fallhöhe zwischen 1,0 und 1,7 m das zuvor glühend gemachte Werkstück in einem Gesenk maschinell geschmiedet. Ein bis 1917 in der Gewehrfabrik Erfurt eingesetzter Fallhammer, gefertigt 1875 von Pratt & Whitney in Hartford, Conn., fand ebenfalls seinen Weg nach Zella-Mehlis.

Die Gesenkschmiede Wahl erwarb den Brettfallhammer 1917 von der Kgl. Gewehrfabrik Erfurt; 1875 produzierte ihn die Pratt & Whitney Co., heute einer der größten Hersteller von militärischen und zivilen Flugzeugstrahltriebwerken.

Damit endete ein perfekt vorbereitetes und durchgeführtes zweitägiges Symposium, das uns allen eine Vielzahl neuer Einsichten zur Waffenherstellung und den Beschussprüfungen in Suhl und Zella-Mehlis lieferte. Wir können nur hoffen, dass sich aus dieser Veranstaltung bald ein dauerhaftes Format entwickelt und – analog zum Arbeitskreis Blankwaffen – in einen Arbeitskreis Feuerwaffen münden wird. Der erste Schritt dazu ist jedenfalls gemacht.

Rolf Wirtgen